tec-science
Lerneinheit 3

Zusammengesetzte Fallprobleme

Input

Zusammengesetzte Fallprobleme

In vielen Aufgaben ist der freie Fall nur ein Teil eines Vorgangs: Nach dem Fall muss noch der Schall zurücklaufen, ein Körper bremst im Boden ab, oder ein zweiter Körper bewegt sich gleichzeitig mit konstanter Geschwindigkeit. Die Strategie ist immer dieselbe:

1. Den Vorgang in Abschnitte zerlegen, in denen jeweils eine einfache Bewegung vorliegt (freier Fall, gleichförmige Bewegung, gleichmäßiges Abbremsen).
2. Für jeden Abschnitt die passende Gleichung aufschreiben.
3. Die Abschnitte über die gemeinsamen Größen verknüpfen: Die Endgeschwindigkeit des einen Abschnitts ist die Anfangsgeschwindigkeit des nächsten, Zeiten addieren sich, Strecken sind gleich.

Beispiel 1: Wie tief ist der Brunnen?

In einen Brunnen wird ein Stein fallen gelassen. Nach T = 2,45 s hört man, wie er auf das Wasser trifft. Wie tief ist der Brunnen? Der Luftwiderstand wird vernachlässigt.

Ohne Berücksichtigung der Schallgeschwindigkeit geht man davon aus, dass der Stein die ganzen 2,45 s fällt:

h = 12 · g · T² = 12 · 9,81 m/s² · (2,45 s)² ≈ 29,44 m

Mit Berücksichtigung der Schallgeschwindigkeit (vS = 340 m/s): Der Schall braucht selbst eine gewisse Zeit, um von der Wasseroberfläche nach oben zu unserem Ohr zu gelangen. Der Stein muss das Wasser also schon vor Ablauf der 2,45 s erreicht haben. Die tatsächliche Falldauer ist kürzer – und der Brunnen deshalb weniger tief als eben berechnet.

Abb. 1.7: Die gemessene Zeit setzt sich aus Falldauer und Schalllaufzeit zusammen

Die gemessene Zeit ist die Summe aus Falldauer tF und Schalllaufzeit tS: T = tF + tS. Der Schall legt dabei die Brunnentiefe h mit der konstanten Geschwindigkeit vS zurück, also ist tS = h/vS. Damit gilt für die Falldauer:

tF = T − tS = T − hvS

Diese Falldauer setzen wir in die Formel für die Fallstrecke ein und formen Schritt für Schritt um:

1. h = ½ · g · tF² = ½ · g · (T − h/vS)²
2. Klammer mit der 2. binomischen Formel (a − b)² = a² − 2ab + b² auflösen: h = ½ · g · (T² − 2 · T · h/vS + h²/vS²)
3. Beide Seiten mit 2/g multiplizieren: 2h/g = T² − 2Th/vS + h²/vS²
4. Beide Seiten mit vS² multiplizieren: 2h · vS²/g = T² · vS² − 2 T vS · h + h²
5. Alles auf eine Seite bringen und nach Potenzen von h ordnen (Normalform h² + p · h + q = 0):

h² − (2 · T · vS + 2vS²g) · h + T² · vS² = 0

Es ist also p = −(2 T vS + 2vS²/g) und q = T² vS². Mit den Zahlenwerten in Grundeinheiten (die Einheiten lassen wir hier ausnahmsweise weg):

p = −(2 · 2,45 · 340 + 2 · 340² / 9,81) = −(1666 + 23 567,8) = −25 233,8
q = 2,45² · 340² = 693 889

Die pq-Formel h = −p/2 ± √((p/2)² − q) liefert zwei mathematische Lösungen:

h = 12 616,89 ± √(12 616,89² − 693 889) = 12 616,89 ± 12 589,37

Die Lösung mit „+“ (über 25 km!) ist physikalisch unsinnig – sie würde zu einer negativen Falldauer führen. Sinnvoll ist nur die Lösung mit dem Minuszeichen:

h ≈ 27,53 m

Der Brunnen ist also in Wirklichkeit etwa 1,9 m weniger tief als ohne Schall berechnet. Kontrolle: tS = 27,53 m / 340 m/s ≈ 0,081 s, tF = √(2 · 27,53 m / 9,81 m/s²) ≈ 2,369 s, Summe 2,45 s ✓.

gemessene Zeit T1 s2 s3 s4 s5 s
ohne Schall ½gT²4,9 m19,6 m44,1 m78,5 m122,6 m
mit Schall (exakt)4,8 m18,6 m40,7 m70,5 m107,6 m
Fehler ohne Schall3 %6 %8 %11 %14 %

Bei kurzen Zeiten (flache Brunnen) kann man die Schalllaufzeit vernachlässigen; bei tiefen Brunnen wird der Fehler schnell groß.

Beispiel 2: Fall und anschließendes Abbremsen

Fällt ein Körper aus der Höhe h und wird dann auf der Strecke d gleichmäßig abgebremst (z. B. ein Pfahl, der in den Boden eindringt, oder ein Springer, der ins Wasser eintaucht), verknüpft die Aufprallgeschwindigkeit die beiden Abschnitte:

• Freier Fall: vA = √(2gh)
• Abbremsen aus vA bis zum Stillstand auf der Strecke d mit der Verzögerung a (Thema 1.2, Lerneinheit 6): d = vA²/(2a), Bremszeit tB = vA/a.

Kennt man vom Abbremsen die Strecke d und die Dauer tB, hilft die „Film-Rückwärts-Methode“: Spielt man den Bremsvorgang rückwärts ab, ist er eine gleichmäßig beschleunigte Bewegung aus der Ruhe. Dann gilt d = ½ · a · tB², also a = 2d/tB², und vA = a · tB.

Musterbeispiel – Sprung ins Wasser Ein Springer taucht nach einem Sprung aus 5 m Höhe 2,0 m tief ins Wasser ein, bis er stillsteht. Wie groß ist die (als konstant angenommene) Verzögerung im Wasser?
Aufprallgeschwindigkeit: vA = √(2 · 9,81 m/s² · 5 m) ≈ 9,9 m/s
Verzögerung: a = vA²/(2d) = 2 · 9,81 m/s² · 5 m / (2 · 2,0 m) = 24,53 m/s² – das sind 2,5 g. Man sieht: a/g = h/d. Je kürzer der Bremsweg, desto größer die Verzögerung.

Beispiel 3: Zwei Körper gleichzeitig – wann sind sie gleichauf?

Bewegen sich zwei Körper gleichzeitig (z. B. ein fallender Ball und ein Modellfallschirm, der mit konstanter Geschwindigkeit sinkt), stellt man für beide die Bewegungsgleichungen im selben Koordinatensystem auf. Sie sind gleichauf, wenn ihre Positionen übereinstimmen: s1(t) = s2(t). Gleich schnell sind sie, wenn v1(t) = v2(t) gilt. Beim freien Fall entstehen dabei meist quadratische Gleichungen, die man mit der pq-Formel löst – so wie bei den Treffpunkten im Thema 1.2 (Lerneinheit 7).

Musterbeispiel – Stein und Aufzug Ein Stein wird aus 20 m Höhe fallen gelassen. Gleichzeitig fährt ein Außenaufzug vom Boden mit konstant 2 m/s nach oben. Wann und in welcher Höhe sind beide gleich hoch? (KS: Ursprung am Boden, nach oben positiv)
Stein: s1(t) = 20 m − ½ · 9,81 m/s² · t²; Aufzug: s2(t) = 2 m/s · t
20 − 4,905 t² = 2 t ⇒ t² + 0,4077 t − 4,0775 = 0 (Einheiten weggelassen)
t = −0,2039 + √(0,2039² + 4,0775) ≈ 1,826 s (die negative Lösung entfällt)
Höhe: s2 = 2 m/s · 1,826 s ≈ 3,65 m
Merke Bei zusammengesetzten Vorgängen: Abschnitte trennen, für jeden Abschnitt die passende Gleichung aufstellen und über gemeinsame Größen (Zeit, Strecke, Geschwindigkeit am Übergang) verknüpfen. Bei zwei gleichzeitig bewegten Körpern: dasselbe Koordinatensystem verwenden und Positionen bzw. Geschwindigkeiten gleichsetzen. Von zwei Lösungen einer quadratischen Gleichung ist oft nur eine physikalisch sinnvoll.
Aufgaben zu dieser Lerneinheit
Los geht’s: Aufgabe 3.1 →