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Lerneinheit 2

Bewegungsgesetze des freien Falls in zwei Koordinatensystemen

Input

Warum brauchen wir ein Koordinatensystem?

Die Formeln v = g · t und s = ½ · g · t² aus Lerneinheit 1 gelten nur, wenn man die Fallstrecke vom Punkt des Loslassens aus nach unten misst. Oft interessiert aber die Höhe über dem Boden. Um Bewegungen eindeutig zu beschreiben, legen wir deshalb – wie im Thema 1.2 (Lerneinheit 7) – ein Koordinatensystem fest: einen Ursprung (Nullpunkt) und eine positive Richtung.

Weil der freie Fall eine gleichmäßig beschleunigte Bewegung ist, gelten die allgemeinen Bewegungsgleichungen für konstante Beschleunigung:

s(t) = 12 · a · t² + v0 · t + s0 und v(t) = a · t + v0

Darin sind s0 die Anfangsposition und v0 die Anfangsgeschwindigkeit zum Zeitpunkt t = 0. Beim freien Fall setzt man für die Beschleunigung a den Betrag g ein – mit dem Vorzeichen, das sich aus dem gewählten Koordinatensystem ergibt. Wir betrachten zwei übliche Möglichkeiten am Beispiel eines Apfels, der aus der Höhe h vom Baum fällt.

Abb. 1.4: Zwei Koordinatensysteme für denselben freien Fall

Koordinatensystem 1: Ursprung beim Loslassen, nach unten positiv

Der Ursprung liegt im Punkt des Loslassens, die Achse zeigt in Fallrichtung nach unten. Wir beschreiben also die Fallstrecke.

• Die Fallbeschleunigung zeigt nach unten, also in positive Richtung: a = +g.
• Der Apfel wird aus der Ruhe losgelassen: v0 = 0.
• Zum Zeitpunkt t = 0 ist er im Ursprung: s0 = 0.

Eingesetzt in die allgemeinen Gleichungen:

s(t) = 12 · g · t² und v(t) = g · t

Falldauer. Gesucht ist die Zeit tF, nach der der Apfel die Fallhöhe h zurückgelegt hat. Das ist unsere Bedingung (das Ausrufezeichen über dem Gleichheitszeichen bedeutet „soll gleich sein“):

1. s(tF) ≝ h ⇒ ½ · g · tF² = h
2. Beide Seiten mit 2 multiplizieren und durch g teilen: tF² = 2h/g
3. Wurzel ziehen (nur die positive Lösung ist sinnvoll, denn die Zeit läuft ab dem Loslassen vorwärts):

tF = √2hg(1.42a)

Aufprallgeschwindigkeit. Die Geschwindigkeit beim Auftreffen ist die Geschwindigkeit zum Zeitpunkt tF. Wir setzen die Falldauer in das Zeit-Geschwindigkeits-Gesetz ein:

1. vA = v(tF) = g · tF = g · √(2h/g)
2. Trick: Wir schreiben g als Wurzel aus g², also g = √(g²). Damit steht alles unter einer gemeinsamen Wurzel: vA = √(g² · 2h/g)
3. Ein g kürzt sich gegen das g im Nenner:

vA = √2 · g · h(1.42b)

Das ist dieselbe Formel wie v = √(2 · a · s) aus dem Thema Beschleunigung – mit a = g und s = h.

Merke – Falldauer und Aufprallgeschwindigkeit tF = √(2h/g) und vA = √(2gh)
Beide wachsen nur mit der Wurzel der Fallhöhe: Die vierfache Fallhöhe führt zur doppelten Falldauer und zur doppelten Aufprallgeschwindigkeit (√4 = 2). Für die doppelte Aufprallgeschwindigkeit braucht man also die vierfache Höhe.

Koordinatensystem 2: Ursprung am Boden, nach oben positiv

Nun liegt der Ursprung auf dem Boden, und die Achse zeigt nach oben. Die Koordinate s beschreibt jetzt die Höhe über dem Boden (man schreibt dafür oft auch h).

• Die Fallbeschleunigung zeigt weiterhin nach unten – jetzt entgegen der positiven Richtung: a = −g.
• Der Apfel startet wieder aus der Ruhe: v0 = 0.
• Zum Zeitpunkt t = 0 befindet er sich in der Höhe h: s0 = h.

s(t) = h − 12 · g · t² und v(t) = −g · t

Man kann entweder g als negativen Wert (g = −9,81 m/s²) in die allgemeine Gleichung einsetzen oder – wie hier – mit dem positiven Wert g = 9,81 m/s² rechnen und dafür ein Minuszeichen vor den Beschleunigungsterm schreiben. Beides ist gleichwertig; man darf es nur nicht doppelt machen.

Falldauer. Jetzt fragen wir: Wann erreicht der Apfel den Boden, also die Position s = 0?

1. s(tF) ≝ 0 ⇒ h − ½ · g · tF² = 0
2. ½ · g · tF² = h ⇒ tF = √(2h/g) – dieselbe Formel wie in KS 1.

Das ist auch nicht verwunderlich: Die Falldauer ist eine physikalische Tatsache und darf nicht davon abhängen, wie wir das Koordinatensystem wählen.

Aufprallgeschwindigkeit. vA = v(tF) = −g · tF = −√(2gh). Der Betrag ist derselbe wie in KS 1, aber das Vorzeichen ist negativ: Der Apfel bewegt sich nach unten, also entgegen der positiven Richtung. Im KS 2 ist die Geschwindigkeit während des ganzen Falls negativ.

Abb. 1.5: Zeit-Positions-Diagramm für einen Fall aus 10 m Höhe in beiden Koordinatensystemen
Abb. 1.6: Zeit-Geschwindigkeits-Diagramm – gleicher Betrag, entgegengesetztes Vorzeichen
Merke – Vorzeichen beim freien Fall Zeigt die positive Richtung nach unten, ist a = +g und die Fallgeschwindigkeit positiv. Zeigt sie nach oben, ist a = −g und die Geschwindigkeit negativ. Die Anfangsposition s0 ist der Abstand des Startpunkts vom Ursprung (mit Vorzeichen). Falldauer und Betrag der Aufprallgeschwindigkeit hängen nicht vom Koordinatensystem ab.

Musterbeispiel und Plausibilitätswerte

Musterbeispiel – Apfel vom Baum Ein Apfel fällt aus 3,2 m Höhe vom Baum. Wir rechnen im KS 2 (Ursprung am Boden, nach oben positiv).
Bewegungsgleichungen: s(t) = 3,2 m − ½ · 9,81 m/s² · t², v(t) = −9,81 m/s² · t
Falldauer: tF = √(2 · 3,2 m / 9,81 m/s²) = √(0,6524 s²) ≈ 0,81 s
Aufprallgeschwindigkeit: vA = −9,81 m/s² · 0,808 s ≈ −7,92 m/s; Kontrolle: √(2 · 9,81 m/s² · 3,2 m) = 7,92 m/s ✓ (≈ 28,5 km/h)
Wo ist der Apfel nach 0,5 s? s(0,5 s) = 3,2 m − ½ · 9,81 m/s² · 0,25 s² ≈ 1,97 m über dem Boden.
Fallhöhe h1 m3 m5 m10 m20 m45 m
Falldauer tF0,45 s0,78 s1,01 s1,43 s2,02 s3,03 s
Aufprallgeschw. vA4,4 m/s7,7 m/s9,9 m/s14 m/s19,8 m/s29,7 m/s
in km/h16 km/h28 km/h36 km/h50 km/h71 km/h107 km/h

Plausibilität: Wer vom 10-m-Turm springt, ist nach 1,4 s im Wasser und hat dann rund 50 km/h. Ein Sturz aus 3 m Höhe (etwa ein Stockwerk) entspricht einem Aufprall mit knapp 28 km/h.

Rechenstrategie 1. Skizze zeichnen, Koordinatensystem festlegen (Ursprung und positive Richtung). 2. Vorzeichen von a, v0 und s0 bestimmen und die Bewegungsgleichungen aufstellen. 3. Bedingung formulieren („Wann ist s = …?“, „Wie groß ist v, wenn …?“) und nach der gesuchten Größe auflösen. 4. Ergebnis mit Einheit angeben und auf Plausibilität prüfen.
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